Der Alkoholkonsum ist weltweit rückläufig; der Weinkonsum sogar im freien Fall. In der Schweiz sank der Weinkonsum laut Agrarbericht des Bundesamtes für Landwirtschaft (2025) von 2000 bis 2024 um 36%. Dagegen steigt der Konsum alkoholfreier Alternativen massiv. In den USA plus 29% (2023). Die Alternativen werden inzwischen als schmackhaft gut eingeschätzt.
Geschmacksverbesserungen
Beim alkoholfreien Bier ist die Entwicklung besonders eindrücklich. Es entstehen heute Biere mit ausgeprägten Malz- und Hopfenaromen, einer angenehmen Bitterkeit und überraschend viel Körper. Vor allem hopfenbetonte Bierstile wie Pale Ale oder Indian Pale Ale eignen sich gut, weil intensive Aromastoffe den fehlenden Alkohol teilweise ausgleichen. In Blindverkostungen schneiden hochwertige alkoholfreie Biere inzwischen deutlich besser ab als noch vor zehn oder zwanzig Jahren. Für viele Konsumentinnen und Konsumenten sind sie die erste Wahl.
Beim Wein ist die Herausforderung grösser. Alkohol ist weit mehr als die berauschender Substanz. Er trägt Aromen, verleiht dem Wein Fülle und verbindet Frucht, Säure und Gerbstoffe zu einem harmonischen Ganzen. Wird der Alkohol entzogen, wirkt ein Wein oft schlanker, die Säure tritt stärker hervor und der Abgang fällt kürzer aus. Deshalb gelingt alkoholfreier Schaumwein häufig besser als alkoholfreier Stillwein: Die Kohlensäure sorgt für Frische und Struktur.
Viele Produzenten arbeiten mit besonders aromatischen Rebsorten, etwas Restzucker, Traubenmost oder pflanzlichen Inhaltsstoffen, um dem Wein wieder mehr Körper und Ausdruck zu verleihen. Trotzdem gilt: Wer einen alkoholfreien Wein nach denselben Massstäben beurteilt, wie sein alkoholhaltiges Vorbild, wird häufig Unterschiede feststellen. Erfolgreicher sind Produkte, die ihren eigenen Stil entwickeln, statt das Original möglichst exakt kopieren zu wollen.
Neue Getränke
Besonders spannend sind deshalb Getränke, die gar nicht erst den Anspruch erheben, Wein oder Bier zu ersetzen. Kombucha entsteht durch die Fermentation von gesüsstem Tee und entwickelt eine lebendige Säure sowie komplexe Hefenoten. Junge Hersteller setzen auf Fermentation von Kräutern, Früchten und Gemüsen, sogenannte Botanicals. Die Ergebnisse sind komplexe Getränke, die hervorragend zu Speisen passen und zeigen, dass Genuss nicht zwingend Alkohol braucht. Sparkling Tea verbindet hochwertige Tees mit feiner Kohlensäure und erinnert in seiner Eleganz eher an Schaumwein als an Eistee.
Wie bei allen Lebensmitteln lohnt sich auch hier ein Blick auf die Qualität. Gute alkoholfreie Getränke überzeugen durch eine ausgewogene Balance von Säure, Süsse und Bitterkeit. Sie wirken nicht künstlich aromatisiert und enthalten nicht übermässig Zucker, um den fehlenden Alkohol zu kaschieren. Ein angenehmes Mundgefühl und ein harmonischer Nachhall sind ebenso wichtige Qualitätsmerkmale wie eine klare, natürliche Aromatik.
Vorbehalte
Aus Sicht der Suchtprävention lohnt sich jedoch auch eine kritische Betrachtung. Viele Brauereien und Weingüter vermarkten ihre alkoholfreien Varianten unter derselben Marke wie ihre alkoholhaltigen Produkte. Flaschenform, Etiketten und Logos unterscheiden sich oft nur geringfügig. Marketingfachleute sprechen von einer «Markenerweiterung» (Brand Extension): Die Bekanntheit einer Alkoholmarke bleibt erhalten, auch wenn gerade ein alkoholfreies Produkt gekauft wird. Studien zeigen, dass solche Strategien die Markenbindung stärken können. Es ist deshalb zu befürchten, dass alkoholfreie Varianten den Absatz alkoholischer Getränke fördern oder bei abstinent lebenden Menschen Erinnerungen an frühere Konsumgewohnheiten auslösen. Die Weltgesundheitsorganisation weist darauf hin, dass solche Marketingeffekte sorgfältig beobachtet werden sollten. Negativ ist auch, dass Konsummuster von Alkohol, wie das Feierabendbier, nicht durchbrochen, sondern im Gegenteil gefestigt werden.
Für viele Menschen überwiegen dennoch die Vorteile. Wer alkoholfreie Alternativen statt alkoholischer Getränke wählt, reduziert die Aufnahme von Alkohol und damit verbundene Gesundheitsrisiken. Für die Prävention ist wichtig, dass die Produkte nicht bloss als Zwischenschritt zum nächsten alkoholhaltigen Bier oder Wein dienen, sondern als eigenständige Genussmittel wahrgenommen werden. Gerade die neuen fermentierten Getränke zeigen, dass dies möglich ist. Vielleicht liegt die Zukunft deshalb weniger in perfekten Kopien als vielmehr in neuen Getränken mit eigener Identität.
Wie entsteht alkoholfreies Bier?
Alkoholfreies Bier wird entweder so gebraut, dass bei der Gärung nur wenig Alkohol entsteht, oder der Alkohol wird nach dem Brauen schonend entfernt, etwa durch Vakuumdestillation oder Umkehrosmose. Gesetzlich darf alkoholfreies Bier in der Schweiz und der EU bis zu 0,5 Volumenprozent Alkohol enthalten (GB nur bis 0,05%).
Warum schmeckt alkoholfreier Wein anders?
Beim Entalkoholisieren gehen nicht nur Alkohol, sondern auch flüchtige Aromastoffe verloren. Ausserdem fehlt der Alkohol als wichtiger Geschmacksträger. Viele Hersteller gleichen dies mit besonders aromatischen Trauben, etwas Restzucker, Kohlensäure oder mehr Struktur im Mundgefühl aus. Dennoch bleibt alkoholfreier Wein sensorisch ein eigenes Produkt und sollte deshalb nicht mit alkoholhaltigem Wein verglichen werden.
